Nichts. (Erzählung)

Kapitel 1  — Ferdinand.

Der Anfang.

Also ging er raus. Verließ die Wohnung, den Hausflur und das Haus an sich auch. Er blickte in den Hintergarten zurück, das heißt, hineinblicken konnte er nicht, weil das Haus ja den Blick versperrte. Man musste durch einen schmalen Gang an der alten Villa vorbeigehen, seinen Bauch zog er jedes Mal automatisch ein, obwohl er locker hindurch passte. Er konnte den gartenartigen Hinterhof also nicht sehen, sondern sich nur denken, dass er da war. Dort war auch das Vogelhaus, was er zu seiner Zufriedenheit heute Vormittag fertig gebaut hatte. Drei Tage hatte er gebraucht, die Größen der einzelnen Fächer zu berechnen und alles zu schneiden und zusammenzubringen. Er genoß den Moment, Dinge wie diese- ein Vogelhaus und auch andere oft müßige oder arbeitsaufwändige Themenbereiche des Lebens- abzuschließen. So wie die Sache mit Paula. Er hatte eine Email geschrieben, hatte alles sauber abgeschlossen und war nun raus aus der Nummer. So empfand er es und ging flötend, gut gelaunt durch die Frühlingssonne. 

Auf dem Programm stand heute die Liebermann-Villa. Es schadete schließlich nie, sich Unbekanntes anzuschauen. Den Flyer hatte er irgendwo gefunden, vielleicht beim Bäcker um’s Eck oder an der Tankstelle, er wusste es nicht mehr. Er nahm sein Fahrrad und fuhr los. Stoppte, obwohl er gerade gut in Fahrt gekommen war beim Supermarkt, kaufte Espresso, schnallte ihn auf den Gepäckträger, fuhr weiter. Er hatte sich die Strecke vorher zu Hause aufgemalt, auf eine Din-A4-Seite Papier. Er befürchtete, dass die Thomas-Mann-Straße, die er kurz entlang fahren würde, garantiert wieder die scheußlichste sein würde, wie es in vielen Städten der Fall war. Oft gab es dort 70er Jahre-Klötze, Center an Häuserecken, kleine Shopping-Gelegenheiten und Wohnungen, die aus- anstatt einladend wirkten. Er fuhr weiter, schloss seine Kopfhörer an sein Nokia-Handy an. Mit dem konnte man Spiele spielen, Radio hören und sogar einige Lieder speichern, notfalls auch Fotos machen, die nicht die Qualität einer Spiegelreflexkamera hatten und natürlich, SMS und Telefonie. Da aber kaum noch jemand SMS schrieb und auch grundsätzlich die wenigen Menschen, mit denen er Kontakt hatte grundsätzlich wenig kommunizierten -nur selten telefonisch, war das Radio eigentlich seine Lieblingsfunktion auf dem Gerät. Denn er liebte Radiohören. Fühlte sich dadurch immer auf wunderbare Weise verbunden mit der Welt. Genauso war es mit Life-Fernsehen. Wie oft hatte er versucht, anderen zu erklären, dass es nicht das selbe sei, die Timeshift-Funktion zu nutzen, wenn man zum Beispiel den Tatort oder ein Fußballspiel schauen wollte. Es ging einfach nicht! Aber wenige verstanden das. Und er beneidete jene, die es nicht verstanden, auf eigenartige Art und Weise. 

Kapitel 9 — Ferdi.

1993. 

Eigentlich mied Ferdinand Einkaufszentren. Es war ihm zu laut, zu grell, zu hektisch und die Musik nervte ihn. Aber er hatte keine andere Wahl, denn er musste schnellstmöglich ein Paket Zucker kaufen, um den Kuchen für Paula fertig backen zu können und da sie in gut zwei Stunden zu Hause sein würde, musste er den Zucker schnellstmöglich besorgt haben. Er lief am Douglas vorbei, am Bäcker und am Sportgeschäft. Aus dem Augenwinkel sah er etwas, was er erst danach richtig anschaute. Golfbälle. Eine Erinnerung wurde wach. Ein Moment, an den er seit langer Zeit nicht gedacht hatte. Vielleicht eigentlich kein einziges Mal seitdem es passiert war. Es war schon Jahre her und eigentlich auch eine Nebensache, überhaupt nicht wichtig und schnell verdrängt. Er wusste nicht, dass er für ihn Unwichtiges oder Unangenehmes schnell verdrängte. Aber manchmal fielen ihm Dinge wieder ein und er wunderte sich kurz einen Moment, bevor er sich wieder mit dem Alltag beschäftigte oder mit der Musik.

Es war im Januar 1993 gewesen. Er war gerade ein Mal 13 oder 14 gewesen und lief mit seiner Mutter und seinem großen Bruder durch das Einkaufszentrum in Schaltal, wo sie eine Zeitlang gelebt hatten. Dort waren Schilder montiert und Girlanden gehangen und überhaupt wirkte alles an diesem Tag ein wenig festlich, was Ferdinand ganz gut gefiel. Außerdem hatte er zur Feier des Tages ein Eis in der Hand und das war grundsätzlich schon mal eine gute Sache. Sie liefen also mit Dudelmusik im Hintergrund über den wie Mamor wirkenden glatten Boden des Einkaufszentrums, als Ferdinand einen riesigen Kubus aus Glas sah, in dem eine immense Menge Golfbälle zu sehen war. Nun wusste er auch wieder den Anlass der Feier: Das Jubiläum vom Golfplatz der Nähe der Stadt. Ein Mann mit Mikrofon tauchte auf. Er trug ein Golf-Outfit, was einige Betrachter im Publikum zum Lächeln brachte. Ferdinands Mutter zwinkerte ihrem Nachbar Bernd zu und dieser zwinkerte zurück. Das Zwinkern merkte sich Ferdinand- das würde er auch mal üben, beschloss er in dem Moment. Jedenfalls nahm der Herr das Mikro in die Hand und sprach mit einer spannungslosen Stimme, die etwas von Las Vegas oder Bingo-Abenden hatte “…wer ist der Gewinner.. wer kann gut schätzen, wer liegt heute richtig und gewinnt das Golfwochenende für Zwei? Liegt überhaupt jemand richtig? Ja, meine Damen und Herren, wie viele Bälle befinden sich in diesem Kubus… “  “-2850 !” schrie Ferdinand. Er erschrak sich selber, denn er hatte gar nicht schreien wollen. Er hatte die Zahl nur rasch gedacht, kaum gerechnet, eher geschätzt oder mal eben überschlagen, er wusste es nicht. Er wurde sofort rot. Versuchte sich neben seine Mutter zu zwängen und hinter seinen Bruder aber es war zu spät, er war entdeckt worden und der Moderator starrte ihn an.

“Ja, junger Mann, ich glaube du bist zu spät, dennnnnn…. Herr Braskuli hat sich an die Teilnahmebedingungen gehalten und diiiiese Karte hier abgegeben” – er hielt einen Zettel hoch und zeigte auf einen Mann mit Bierbauch, der links von dem kleinen, mit Green bezogenem Podest stand. “Herr Braskulsi- kommen Sie nach vorne, holen Sie ihren Gewinn ab und, ja bitte liebe Vorbeigehende, liebe Verlierer und Zuschauer- ein großer Applaus für diesen genialen jungen Herrn, der fast richtig lag mit 2687 Bällen! Das grenzt ja an Genialität, ganz ohne Schummeln, ich kann es garantieren!” Nachdem er das gesagt hatte und dem Herrn, der nicht ganz jung war, die Hand geschüttelt hatte, schaute er in das sich langsam und teilweise enttäuscht auflösende Publikum. Er sah Ferdinand und schaute ihn kurz und wie Ferdinand empfand, böse an. Als hätte Ferdinand etwas falsch gemacht. Aber den Blick kannte er, weil er oft Dinge falsch machte. Darum beschloss er, das nächste Mal die Regeln zu beachten und nichts zu sagen. Er würde versuchen, wie die anderen zu sein und eine Karte ausfüllen, falls er so ein Gewinnspiel noch einmal sah. Die starke Ungerechtigkeit, die er empfand, schluckte er schnell mit dem letzten Bissen Eis hinunter und seine Mutter zog ihn auch schon am Arm weiter in Richtung Supermarkt. Sein Bruder hatte von all dem kaum etwas mitbekommen, da er grundsätzlich nicht viel mitbekam. Er hatte die ganze Zeit in das Schaufenster vom Spielzeugladen gestarrt, in dem ein Monstertruck oder ein Jeep in eine Berglandschaft montiert war, was er um einiges interessanter fand, als die Anzahl von Golfbällen in einem transparenten Kubus. Ihm war grundsätzlich alles egal, was nicht laut krachte, brummte oder einen Motor hatte und sich prügeln konnte. 


Notizen

Wie kommt man darauf
zu träumen man hätte rein zufällig Knallerbsen in der Tasche. 

Sie knallen im Traum genauso laut
 – dieses kleine bisschen, lauter, als erwartet. Wie in echt!


Der Blick des schönen Mannes durch’s Fenster zu mir hinaus
während er ruhig und vielleicht stolz den Schmerz ertragend
auf einer Liege unter der Tattoo-Nadel liegt. 


Ich suche doch lediglich nach jemanden,
mit dem das Schweigen nicht luftleer ist,
sondern voller Farben, Worte, Gerüche.
Jemand der die Welt auch nicht
im Ausgesprochenen versteht,
sondern irgendwie anders. 


Vollmond. Dann gebe ich dem heute mal die Schuld für meine Insomnia.


Noch bevor ich die Augen aufmachte roch ich,
– hörte ich, dass Frühling ist.Wie die Strandbesucher alle
-mehr oder weniger träge bis langsam-
ihre Handtücher falten und vom Strand weg,
hinüber zu ihren Grillwürsten kriechen. 

Von einem Zustand in den nächsten. 


Bei der abendlichen Zigarette geht es ja nicht um Sucht,
sondern lediglich darum, nur ein Mal das zu bekommen,
was man wirklich will. Ein Mal loslassen.


Dieser Übergang. Wenn etwas so lange unfassbar ist und man plötzlich merkt, dass man sich an das Unfassbare gewöhnt ?! 

Fassbar wird es dann aber immer noch nicht. 


Rückblickend:
Wie ich vorsichtig gelaufen bin, wie auf einer dünnen Eisschicht. 

Aber leider nicht gewusst:
mit einem schweren Knüppel in der Hand.


Ich bin 32 und die beständigsten Beziehungen in meinem Leben sind bisher meine lockeren Affären. Das lasse ich jetzt mal so stehen. 

Ein Antagonismus?