Brenner

REISE DRAMEN.

Selten kommt man unbekannten Menschen so direkt so nah und so ungefiltert mit ihnen nah zusammen wie bei kleinen Krisen. Wie zum Beispiel gerade jetzt eben am Brenner. Am Brenner! Vielleicht lag es an den hundsgemeinen Gedanken, die ich einige Minuten vorher an diesen Ort herausmachte. Denn ich durchquere ihn nun schon bestimmt das achte Mal innerhalb von 4 Jahren und jedesmal liebe ich die Kilometer, saftige steile Wiesen, pompöse Villen, hochmoderne Tiny Houses und satte Wälder. Kleine Kapellen zwischen grünen Tannen und verschneiten Bergspitzen. Und dann kommt der Brenner. Und es ist einfach nur bedrückend, dunkel, anscheinend immer bewölkt und circa 7 Grad kälter als überall sonst. Wie können die Menschen hier leben? Auf dem Hinweg hatte ich hier sogar kurzen Aufenthalt, lief über die Straße, weiter als 50m schaffte ich es wegen meines ganzen Gepäcks jedoch nicht und hätte mich auch nicht getraut. Denn es ist der Brenner. Diese Art Gedanke, dachte ich jedenfalls als der Zug still wurde. Die Klimaanlage, die man hier nicht braucht, aber Belüftung eben schon- schaltete sich aus, der Strom aus den Steckdosen- zero. 

Und so ging das 20,25 Minuten. Bis ich unruhig wurde, da ich einen Anschlusszug nach Hamburg, den heißgeliebten OEBB Nightjet bekommen will, das heisst, wollte. Schaffner und Zugbegleitung waren guter Dinge, aber nicht gerade hoffnungsvoll. Die Lok wird nochmal neu gestartet. Ein Versuch gibt es noch. Stop auf unbestimmte Zeit. Es fühlte sich an wie ein Pokerspiel. Bleiben? Im Zug auszuharren und nicht in die sichere S-Bahn nach Innsbruck steigen? Um im Notfall immerhin in Innsbruck und nicht- am dunklen kalten Brenner verweilen zu müssen, wenn sich die schwarze Nacht über Südtirol legt! 

Aber ich habe gepokert. Und zwar, weil ich mich einige Minuten vorher in ein riesiges 1.Klasse Abteil umgesetzt hatte, das sich beim Vorbeigehen als herren- und damenlos zeigte. Und ein Kaltgetränk hatte ich mir auch gerade gekauft. Insofern war klar: ich bleibe! -Züge und Risiko, liebe ich. Volle S-Bahnen für den sicheren Weg nach Innsbruck- weniger!  Was ich nun aber so spannend finde: Der ganze wirklich lange Gang durch den Zug. Ich musste

schließlich meinen Koffer aus der 2. Klasse holen und in mein neues Abteil, dass fast so groß ist wie meine Lübecker Wohnung, in mein stolzes Luxus-Upgrade schaffen. Ich durchquerte allerhand Räume und Leute. Den Mann mit der beigen Hose, mit dem ich auch schon im vorigen Zug aus Bologna saß, inzwischen nicht mehr in Schlappen, sondern Sportschuhen, ein BVB-Spiel auf dem Handy schauend, ein Bier in der Hand. 

Dann durch die vollen Abteile mit lauter gemütlichen Menschen, die weder nachfragen oder aufstehen sondern stoisch im Muff, Dämpfen, Atmen und Essengeruch sitzen bis es weiter geht oder vielleicht auch nicht. Die Masse ist das, glaube ich. Plötzlich kam mir eine nervöse Dame entgegen. Jedoch nur nach dem Board-Service suchend, da konnte ich natürlich weiterhelfen. Und mit aktuellen Infos zu der Lokomotive, die Spirenzchen macht, konnte ich natürlich auch einige Mitfahrende informieren. Die Dame war eine der eher unruhigen Sorte. Was denn sei, wenn nicht, wo wir schlafen und wer das zahlt. Ich erwiderte, na in Innsbruck oder München und die Bahn zahlt- wahrscheinlich. „Wahrscheinlich!! Hihihoho..“ Und dann zog ich ab, weil ich von solchen Menschen Nackenverspannungen bekomme. Und zog meinen Koffer in meine neue Bleibe. 

Lustiger als die bisherigen Mitreisenden waren die Australier oder Amerikaner im 1.Klasse Abteil neben mir, die unglaublich viele Waffel-Packungen auf den Sitzen gelagert hatten und grundsätzlich ihre einfach immer sympathische Lässigkeit ausstrahlten. Der Schaffner sagte, „gönn dir dein upgrade, zieh dich um, mach’s dir gemütlich- es kann noch dauern.“ Aber ich schickte Stoßgebete  nach oben, entschuldigte mich beim Brenner für meine fiesen Gedanken, ja wirklich fies waren sie. — Und  dann kam das schönste Geräusch.

Zuerst kam die Klimaanlage zurück. Vielleicht ging auch das Licht an, so erscheint es mir in der Erinnerung, aber womöglich war es die ganze Zeit an. Frische Luft und Hoffnung durchzog also den Wagen und ich betete weiter. Wirklich ohne Spaß zum lieben Gott. Und dann trillerte draussen die Pfeife. Und der ganze Zug schien zu schweigen voller Angst es sei eine Illusion und nicht wir wären gemeint sondern ein anderer Zug. Doch dann der Ruck. Bewegung. Es ging los. Ich jubelte wie bei einem Spice Girls Konzert und klatschte, worauf ich auch in den Nachbarabteilen klatschen und ausgelassenes Johlen hörte. Wobei in der 1. Klasse nur wenige und die Wenigen recht ruhig sind. Ob die Masse in der 2. Klasse überhaupt von Candy-Crush hochgeschaut haben? Ich weiss es nicht.

Aber ich weiss, dass ich mit etwas Gustav-Ganz-Glück und gutem Timing noch den Nightjet in München erwische. „Bitte, lieber Gott…!“ Und kein schlechtes Wort mehr über irgendwas. 

Nachtrag.
Der beste Moment kam dann. Wir fahren in Innsbruck in Schritttempo ein. Und neben mir am Fenster aussen läuft ein Herr mit dem ich kurz in der Tür irgendwo zwischen besorgt und feixend spekulierend überlegte, ob man nun die S-Bahn nimmt oder wartet. Er hat also die S-Bahn genommen. Das hätte ich mir bei seinem panischen Blick beim Thema ‚Hotel-Situation am Brenner‘ denken können! Er eilt neben dem einfahrenden Zug her und wir winken uns überschwänglich voller ehrlicher Freude zu.